Verwelkt die Rose?

Ja, ich habe ein gewisses Problem mit dem Alter. Also mit dem Älterwerden. Dazu stehe ich. Dessen bin ich mir nämlich bewusst. Was macht das mit mir? Wie gehe ich damit um?

Alles dreht sich immer schneller, alles verändert sich in rasantem Tempo. Manchmal habe ich den Eindruck, ich komme nicht mehr mit. Das hat aber nicht nur mit der Technik oder der allgegenwärtigen KI zu tun, mit neuen Apps, mit Serien und Trends, sondern auch mit der Jugend, die ich ständig vor Augen habe. Versteht mich nicht falsch: Ich will nicht nochmal 25 sein, bin sehr glücklich mit den Erfahrungen, die mich geformt haben, nur den Körper von damals hätte ich gerne wieder. Medien, speziell soziale Medien, zeigen durchwegs junge Menschen, knackige Körper. Faltenfrei und straff im Gesicht, am Po keine Dellen, keine Fettpolster. Nein, das ist nicht die reale Welt, aber wenn man das jeden Tag, jedes Mal, wenn man das Handy in die Hand nimmt, sieht, dann macht das sehr wohl etwas mit einem. Und es macht etwas mit mir. Es gibt zahlreiche starke Frauen, die sich dem Thema auch medial sehr offensiv widmen. Podcasts, Instagram Profile, Influencer, Berichte, Reportagen über die Menopause. Ich kenne viele davon. Aber die haben alle irgendwie nichts mit mir zu tun. Ich fühle mich nicht alt. Zumindest nicht, wenn kein Spiegel in der Nähe ist.

Sport hilft mir

Jeden Morgen um 5:30 – egal, ob Arbeitstag oder Wochenende – weckt das nervige Piepen meines kleinen Weckers mich und fordert mich damit auf, meinen älter werdenden Körper aus dem Bett zu hieven und mich in Disziplin zu üben. Sport steht an. Der Muskelkater vom Vortag zeigt mir, welchen Teil des Körpers ich zuletzt gequält habe. Aber ohne den Sport jeden Morgen fühle ich mich nicht gut. Ich brauche die Bewegung. Nicht nur für den Körper, auch für den Kopf. Das ist ein zweischneidiges Schwert, denn der Sport ist mein Ausgleich für den sitzenden Job tagsüber, aber er ist auch dafür da, in meinem Kopf das Alter weit weg zu schieben. Ich will gut aussehen. Begehrenswert. Sexy. Ich mag keine Fettpolster um den Bauch ansetzen, wie viele meiner Freundinnen. Die Schwimmreifen kommen Mitte 40 fast von allein, denn die Hormone stellen sich um. So ist die Natur. Der Körper braucht immer länger, um sich zu regenerieren. Den Körper kann ich auch in diesem Alter noch halbwegs formen, doch es braucht mehr Anstrengung als in den Zwanzigern. Das Gesicht ist allerdings schwer im Griff zu halten. Meine Gene sind nicht die besten. Die Wangen beginnen zu hängen, die Schwerkraft nagt nicht nur an den Brüsten, obwohl ich mit denen ja immer noch ganz zufrieden bin. Tiefe Falten an der Stirn, wie sie manche bereits haben in meinem Alter, sind noch nicht zu sehen. Aber um die Augen herum wird es schon ziemlich faltig. Selfies gibt es nur von oben, eh klar. Man weiß ja, wie man sich am attraktivsten darstellt.

Wie fühle ich mich als 44-jährige Sklavin?

Ich habe in der Zeit, in der ich letztes Jahr keinen Herrn hatte, zahlreiche dominante Männer getroffen. Keiner hatte ein Problem mit meinem Alter. Alle fanden mich begehrenswert und sexy in Körper und Geist. Die Altersgruppe dieser Männer war 48 bis 60. Bemerkenswert fand ich zu der Zeit, dass es Männer gibt, die mit 55 erstaunlich jung wirken und 50-jährige, bei denen ich den Eindruck hatte, sie wären älter als mein Vater. (Anmerkung: Mein Vater ist 68) Was aber retrospektiv erschreckend für mich ist, ist die Tatsache, dass ich immer einen innerlichen Druck der Perfektion der Jugend in mir verspürte. Immer schwang in mir die Frage mit, ob ich ihm nicht zu alt wäre. Mein Bild der perfekten Sklavin ist ganz offensichtlich nicht nur jenes einer Frau, die (sexuell) dienen möchte, die sich ohne Widerspruch hingibt, die sich in der Verbindung mit dem Herrn, nach hinten stellt, sondern auch eines, das einen perfekten Körper zeigt. Einen Körper der begehrenswert – und jung – ist. Einer der Männer hat mal zu mir gesagt, dass ihm eine Frau lieber ist, die Lebenserfahrung hat, mit der er sich auch unterhalten kann. Wenn sie nur jung und schön ist, dann macht ihn das nicht an. Nur junge Subs zu ficken sei auf Dauer auch langweilig und keine Herausforderung. Das hat mir sehr gutgetan. Trotzdem hat sich nach dem zweiten Whiskey sein Kopf gedreht, als zwei wesentlich jüngere Frauen an uns vorbei gegangen sind. Das war nicht ok und hat sich eingebrannt.

Bevor ich die Suchkriterien auf einer bestimmten Plattform eingeschränkt habe, haben mich immer wieder sehr junge Männer angeschrieben: Sie würden reifere Frauen suchen. Mit sehr jung meine ist zwischen 18 und 25. Das hat mich nicht interessiert. Ich will einen Mann, der Lebenserfahrung hat. Graue Schläfen, meliertes Haar. Nun habe ich einen Herrn, der ein wenig älter ist als ich und diesen Kriterien sehr gut entspricht. Nie hat er auch nur die leiseste Andeutung gemacht, das Alter betreffend. Im Gegenteil: Er sagt mir oft, wie hübsch er sein Eigentum findet. Wir waren noch auf keiner einschlägigen Party bisher. Ich war lange auf keinem Szene-Event mehr. Früher bin ich öfter ausgegangen und habe die Blicke genossen. Ich weiß nicht, wie ich mich fühlen werde, wenn um mich herum Frauen sind, die wesentlich jünger sind. Wenn ich nicht mehr die begehrenswerte Frau bin, nach der sich die Männer umdrehen. Wenn ich eine derjenigen bin, die unbeachtet bleiben, weil sie alt sind.

Schönheit ist individuell

Sofort meldet sich eine innere Stimme, die mir sagt, dass das alles Blödsinn ist und das Problem nur in meinem Kopf besteht, dass Schönheit von innen kommt, dass man Schönheit ausstrahlt und sie keine Frage des Alters ist. Dass ich so nicht denken darf, weil das oberflächlicher Müll ist, unreflektiert und schlichtweg dumm. Dass ich es doch besser wissen muss. Dass ich mal wieder bei meiner Therapeutin vorbeischauen sollte…Zwischen rationalem Denken und dem innerlichen Gefühl liegen Welten. Auch zwischen Fremd- und Selbstbild gibt es große Divergenzen.

Ich kümmere mich um meinen Körper, achte darauf, trainiert zu sein und mich nicht aufzugeben, wie viele andere in meinem Alter. Weil es eh schon egal ist. Nein, es ist nicht egal. In dieser Gesellschaft wird oberflächlich beurteilt und ausgesiebt. Das macht vor der BDSM-Szene nicht halt. Als Frau ist die Welt diesbezüglich grausamer, als für Männer. Die reifen bekanntlich. Ich dachte, das Alter bringt es mit sich, dass einem das Urteil anderer irgendwann egal ist. Aber so alt bin ich offenbar doch noch nicht!