Natürliche vs. toxische Dominanz

Dominanz ist ein Begriff, mit dem jeder und jede etwas anderes verbindet. Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass es die unterschiedlichsten Ausprägungen von Dominanz gibt. Aber nicht jede Form ist auch psychisch gesund. Ich schreibe hier natürlich aus meiner Perspektive, habe aber durch meine Ausbildung und meine berufliche Tätigkeit einen Einblick in die Dynamiken zwischenmenschlicher Beziehungen.

Meine letzten Beiträge haben sich im Schwerpunkt mit meinen Erfahrungen als Sklavin beschäftigt. Nun ist es an der Zeit wieder Themen aus der BDSM-Welt anzusprechen, die mich beschäftigen und nach den Hintergründen zu fragen.

Worin liegt also der Unterschied zwischen gesunder und toxischer Dominanz?

Beginnen wir mit der toxischen Dominanz. Das Wort „toxisch“ wird aktuell sehr inflationär verwendet. Schon seit etwa 2022 wird alles mögliche als toxisch bezeichnet. In den sozialen Medien sind englische Begriffe gebräuchlich. Wenn etwas „nicht gut“ ist, sondern vielmehr als „giftig“ bezeichnet wird, dann wird es im heutigen Zeitgeist zu „toxic“ und in weiterer Folge eben zu „toxisch“. Dabei gibt es in der Psychologie eine ziemlich genaue Beschreibung, was darunter zu verstehen ist. Das Wort charakterisiert unter anderem eine Beziehungsdynamik, die sehr tiefgreifend ist und großen, nachhaltigen Schaden anrichten kann.

Einer toxischen Person wohnen Narzissmus, Psychopathie und Machiavellismus inne. Die Person leidet an übertriebenem Selbstbewusstsein, an auffälliger Selbstbewunderung und an übersteigerter Eitelkeit. Um das zu füttern benötigt sie Bewunderer. Eine narzisstische Person kann sich nicht in andere hineinfühlen. So ist ihre Psyche gestrickt, sie tut dies nicht vorsätzlich. Das ist für mich bereits die erste Auffälligkeit, die mir zeigt, dass Narzissten im BDSM gefährlich sind. Aber nicht nur der Mangel an Empathie, sondern auch ein geringes Level an Moral, Kaltherzigkeit und der fehlenden Angst vor Konsequenzen lässt sämtliche Alarmglocken schrillen. Diese Menschen beherrschen die hohe Kunst der Manipulation. Ohne, dass man es bemerkt, nutzen sie die unbewusste Ebene um von der submissiven Person zu bekommen, was sie wollen. Sie sind dabei gleichgültig und unerbittlich, impulsiv und egoistisch. Das alles geht sich in meinem BDSM nicht (mehr) aus. Sätze wie „…aber du möchtest doch die perfekte Sklavin sein“ oder „…verschwende nicht meine Zeit“ sind kleine unterschwellige Botschaften, die auf den ersten Blick der Dominanz zugeschrieben werden können, aber genauer betrachtet zeigen sie, dass hier etwas brodelt. Das sind Sätze, die bei einem Menschen, der sich dessen bewusst ist, einen Fluchtreflex auslösen sollten. Menschen, die nach konsensuellem BDSM und nicht nach Abhängigkeit, nach Missbrauch und psychischer Gewalt streben, sind hier falsch.

Toxische Dominanz will Macht, der Macht wegen und kann mit der Verantwortung, die damit einhergeht, nicht umgehen.

Sie will besitzen. Sie will sich über Grenzen hinwegsetzen. Sie will nicht verstehen. Sie will nicht wissen, was sie beim anderen auslöst. Sie will sich nicht kümmern. Diese Menschen fragen nicht und sie hören auch nicht zu. Sie sehen das Gegenüber als Objekt. Wenn die submissive Person nicht spurt, dann wird sie ausgetauscht. Menschen mit toxischer Dominanz geht es nicht um den Menschen.

Gesunde Dominanz kann auch leise sein. Sie braucht keine große Bühne.

Gesunde Dominanz hingegen ist sich ihrer Verantwortung bewusst. Sie braucht keine Bühne für sich selbst. Sie hat kein online Profil nötig um sich als dominant darzustellen. Sie ist eine innere Haltung, die nach außen strahlt. Dominant sein bedeutet dabei, die Richtung vorzugeben, Macht auszuüben, aber auch mit den Folgen umgehen zu können. Eine dominante Person sollte sowohl streng bestrafen, als auch in den Arm nehmen können. Sie akzeptiert Grenzen erstmal und sieht sie nicht sofort als Herausforderung.

Fehler können immer passieren, gesunde Dominanz ist kein Widerspruch zu einer Entschuldigung. Es fällt kein Stein aus der Krone, wenn der Herr sich bei seiner Sub entschuldigt. Es macht ihn menschlich. Das ist für Menschen, die eine gesunde Dominanz in sich tragen, kein Problem. Wenn man allerdings eine Mauer als Distanz aufbauen muss um seine Unfehlbarkeit aufrechtzuerhalten, dann zeigt das ja schon, dass das eigene Selbstbild fragil ist.

In der BDSM-Szene sind naturgemäß dominante Menschen unterwegs. Ob es sich dabei um natürliche oder toxische Dominanz handelt ist nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Ein ehrliches Gefühl für das Gegenüber und laufende Selbstreflexion helfen dabei, zu erkennen woran man ist. Wichtig ist es, sofort und ohne Kompromisse die Reißleine zu ziehen, wenn sich die ersten Anzeichen von toxischer Dominanz zeigen. Hoffentlich ist es dann noch nicht zu spät und man hat Menschen um sich, die einen auffangen können.

Hoffnung auf das große Glück der Sklavin in mir

Ich habe immer noch Hoffnung, einen Menschen zu finden, dessen natürliche Dominanz mich verzaubert. Einen Menschen, der auch mich als Mensch sieht. Ohne Fassade. Ohne Schein. Er ist wie er ist, muss sich nicht verstellen. Dann bin auch ich, wie ich bin. Dann wird die Sklavin in mir endlich bekommen, was sie sich so sehr wünscht.