Das Halsband

Im Laufe der Zeit habe ich Halsbänder mehrerer Herren getragen. So verschieden wie die Herren waren, so unterschiedlich war auch ihr Zugang zum Halsband. Für mich selbst ist das Halsband von großer Bedeutung, denn es ist kein gewöhnliches Accessoire, es ist ein Stück mit starker Symbolkraft.

Ich kann hier nur beschreiben, was ein Halsband für mich bedeutet, denn wie wir wissen ist die Welt vielfältig und jeder Mensch interpretiert Dinge und Situationen anders. Nach außen hin ist ein Halsband für mich das Symbol der Zugehörigkeit. Es zeigt, dass ich in Besitz bin. Jeder Herr, der sich ein wenig in der BDSM-Welt auskennt, sollte wissen, dass Sklavinnen mit Halsband tabu sind. Sie gehören jemand anderem und sind nicht verfügbar. Herren mit gutem Benehmen respektieren das.

Viel wichtiger ist die Bedeutung eines Halsbandes für mich im Kopf. Ich möchte es mir nicht erst verdienen müssen, denn einen Ehering verdient man sich auch nicht. Ein Ehering ist eine Entscheidung für die gemeinsame Zukunft, die man Augenhöhe trifft. Und so sehe ich auch das Halsband. Ich rede natürlich nicht von einzelnen Sessions, bei denen man ein reines Spielhalsband umgelegt bekommt um die Machtverhältnisse in dieser Zeit spürbar zu machen, sondern von einem Halsband, das die Sklavin begleitet. Dieses Teil ist so viel mehr.

Es symbolisiert eine Verbindung, es ist ein unausgesprochenes Versprechen und es steht für Verbindlichkeit.

Es ist aufgeladen mit Emotionen wie Freude, Zufriedenheit, Dankbarkeit, Hingabe und Demut. Aber auch Gehorsam und Fokus spielen dabei eine Rolle.

Mein Herr und ich kennen einander seit Anfang April und wissen immer besser, wie wir zueinander stehen. Daher war der nächste Schritt nur eine Frage der Zeit. Ja, wir haben uns Zeit gelassen und ich habe bereits nach einem Halsband gefragt. Mein Herr stellte mir ein solches in Aussicht. Vor zwei Wochen war es so weit. Ich habe meinen Herrn vor einem Laden in Wien getroffen und wir sind gemeinsam auf die Suche gegangen. Am Ende hat er es ausgesucht, aber meine Meinung dazu war ihm wichtig, denn sonst hätte er es auch alleine kaufen können. Er hat die Stücke, die zur Auswahl standen, an meinen Hals gelegt und dann entschieden, dass eines mich besonders schmückt. Sehr gerne habe ich diese Entscheidung angenommen, denn ich möchte ihm gefallen. Und das erwählte Halsband ist bezaubernd.

Ich nutze das Halsband als Brücke zwischen uns, als Verbindung zu ihm, wenn er nicht da ist. Die letzten beiden Nächte habe ich damit geschlafen und mich ihm so nahe gefühlt. Es ist ein sehr emotionales Symbol in meinem Leben.  

Unterschiedliche Herren, unterschiedliche Sichtweisen

Mein damaliger Herr legte mir relativ rasch ein mehrreihiges Kettenhalsband um den Hals. Es war ein Schmuckstück, das allerdings für den Alltag zu grob war. Dieses Stück Metall habe ich lediglich in seiner Gegenwart getragen. Es verblieb stets bei ihm und er legte es mir um, wenn ich bei ihm zu Gast war. Somit verblieb es in seinem Besitz, als sich unsere Verbindung löste. Dass nun seine aktuelle Sklavin das gleiche Halsband trägt, hat mich irritiert. Darauf habe ich ihn angesprochen und er bestand darauf, dass es nicht jenes Halsband war, das ich getragen hatte. Dennoch fühle ich mich nicht wohl, wenn ich sie mit diesem Halsband sehe. Ich kann nicht sagen warum, aber es löst in mir Unverständnis aus. Ich freue mich aber sehr, dass er nun glücklich ist und seine Sklavin gefunden hat.

Ein weiterer Herr, wir waren etwa drei Monate in Verbindung, schenkte mir ebenfalls ein Halsband aus Metallkettengliedern. Es war kein aufregend teures Stück, aber es symbolisierte unsere Verbindung. Wir haben einander nach knapp sechs Jahren wieder getroffen und er war erstaunt, dass ich das Halsband fünf Jahre aufbewahrt habe, mich dann aber zum Verkauf des Stückes auf einem BDSM-Flohmarkt entschieden habe. Das hätte ich nicht tun sollen. Erinnerungen verkauft man nicht. Das wurde mir erst klar, als wir uns darüber unterhalten haben.

Der nächste Herr legte mir bereits beim ersten Treffen ein handgefertigtes Lederhalsband um. Ich mochte dieses Halsband sehr und ich hatte es immer – die einzige Ausnahme war Sport – mitzuführen. Anlegen durfte ich es nur, wenn er es ausdrücklich erlaubte. Es war ein Symbol seiner uneingeschränkten Macht über mich. Ich habe das Halsband an ihn zurückgeschickt, nachdem ich die Verbindung beendet habe. Denn dieses Symbol wollte ich schlichtweg nicht mehr in meiner Nähe haben. Es hat mich klein gemacht, zu einem Gebrauchsgegenstand degradiert und mich wertlos fühlen lassen. Es gab Situationen in denen hat es mich stolz gemacht und mich einzigartig fühlen lassen. Das Gefühl der Unterdrückung hat aber meist dominiert.

Ein sehr kurzes Gastspiel eines Herrn in meinem Leben hat mir gezeigt, dass es auch ganz anders geht: Er wollte ein geschmiedetes Edelstahlhalsband für mich, graviert und einzigartig. Und ich sollte es selbstverständlich selbst bezahlen. Denn wenn es zwischen uns nicht passen sollte, dann könne ich das Ding ja behalten, immerhin würde mein Name darin eingraviert sein. Er könnte es nicht weiterverwenden. Er sah es als Investition meinerseits in eine gemeinsame Zukunft. Diese Investition habe ich nicht getätigt. Das Gastspiel war kurz.

Der Herr, dessen Eigentum ich danach etwa ein Jahr lang war, schenkte mir erst eine dünne Lederschnur mit einem Anhänger, den ich immer tragen sollte. Es handelte sich um ein Mitbringsel aus einem fernen Land, das eine gemeinsame Bedeutung für uns hatte. Eine schöne Geste. Danach bekam ich noch ein breites Lederhalsband, das mehr wie ein Spielhalsband anmutete. Wir haben uns letztes Jahr getrennt und es war für beide nicht schön. Doch wir haben rational entschieden, dass die Entfernung gegen uns ist und ich ihn mehr vermisse, als mir guttut. Im Zuge des abschließenden Telefonates habe ich ihn ausdrücklich gefragt, ob er das Halsband zurückhaben möchte. Er verneinte dies klar und deutlich. Das ist nun etwa neun Monate her. In diesen neun Monaten gab es immer wieder kurzen Kontakt zwischen uns. Er konnte mich offenbar nicht richtig loslassen, war der Überzeugung, dass es nur nicht der richtige Zeitpunkt war für uns. Ich hingegen habe gespürt, dass ich nach vorne sehen muss. Das Leben lebt sich vorwärts. Im Rückspiegel sind Erinnerungen, die das Leben lebenswert machen und aus denen ich gelernt habe. Ich dachte, auch mit dem Mann hätte ich ein positives Ende gefunden. Doch dann kam diese Woche eine Nachricht, die diesen Eindruck zerstört hat. Auf Social Media habe ich mein Glück geteilt und ein Bild des neuen Halsbandes gepostet. Die Reaktion seinerseits war, dass er das Halsband zurückhaben möchte, weil ich ja nun ohnehin ein neues hätte. Ohhhhh, das große Dom-Ego war gekränkt. Ich erklärte ihm, dass wir anders auseinandergegangen wären und ich das Halsband als Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit gerne behalten würde. Er wollte aber nicht nur das Halsband, sondern auch die Kette mit dem Anhänger. Ich bin traurig, dass es nun auf diese Art endet. Das Paket mit dem Halsband habe ich gestern zur Post gegeben, den Anhänger behalte ich. Meine Entscheidung wird er akzeptieren müssen. Es war ein Geschenk.

Meine Zukunft kann ich gestalten, meine Vergangenheit kann ich nur durch Erinnerungen bei mir behalten.

Nun trage ich – auch beim Verfassen dieser Zeilen – mein neues Halsband. Es ist aus Leder, hat einen kleinen Metallring an der Vorderseite und ist innen mit rotem Stoff gepolstert. Mein Herr hat wenig Zeit, umso wichtiger ist es mir, mich ihm trotzdem nahe und verbunden zu fühlen. Dieses Halsband ist ganz besonders, weil wir es gemeinsam gekauft haben. Und so besonders wie sich die Beziehung zwischen uns gerade entwickelt, so besonders ist dieser Mann in meinem Leben. Seine Dominanz ist ebenso im Raum zu spüren, wie der liebenswerte und verständnisvolle Teil seines Wesens. Ich trage sein Halsband, weil es mich daran erinnert, dass ich wichtig bin in seinem Leben. Das wird er nicht müde zu betonen. Ich spüre, dass wir beide Schmetterlinge im Bauch haben, bevor wir uns treffen, dass wir Herzen in den Augen haben, wenn wir einander ansehen und dass wir jede Minute miteinander als wertvoll erachten und einander uneingeschränkt auf mehreren Ebenen genießen.

Möge es lange so bleiben.