Nur eine Phase?

Neulich in einem Wiener Kellergewölbe…

Ein dunkler Keller, stimmungsvoll beleuchtet mit zahlreichen Kerzen. Ein Käfig aus Metall. Ein Bock aus Holz, mit Leder bezogen. Ein von hinten beleuchtetes Andreaskreuz. Das Ensemble ist stimmig. In der Ecke ein brauner, schwerer Lederstuhl auf einem Orientteppich. Die braun-roten Backsteinbögen sorgen für eine besondere Atmosphäre unter den Straßen Wiens. Aus dem Nebenraum klingen Peitschenhiebe und zaghafte Schreie an mein Ohr. 

Ich sitze alleine auf einem kleinen Hocker und lehne mit dem Rücken an der Wand, die Beine überschlagen, die Hände auf dem Knie gekreuzt. Mein Blick schweift von einer Seite zur anderen, bleibt immer wieder am Mobiliar hängen. Nachdenklich ziehe ich die Luft tief in meine Lungenflügel, halte kurz den Atem an und seufze beim Ausatmen. Leise. Ich möchte das Paar im Nebenraum nicht stören. 

Die Szenerie, die mich umgibt, ist keine unbekannte für mich. Ich fühle mich wohl dabei, ja gerade zu unaufgeregt. Was anderen womöglich unangenehm wäre, Fragen aufwerfen würde oder auch größte Vorfreude entlocken würde, berührt mich wenig. 

Doch dann passiert etwas in mir. Keine der Vorstellungen, die ich in den nächsten Minuten in meinem Kopf spinne, erregt mich. Der Gedanke daran, in den Käfig gesperrt zu werden, löst nichts in mir aus. Das Andreaskreuz steht rechts von mir, einladend um mich daran zu schmiegen. Ich fühle mich nicht angesprochen und wende meinen Blick ab. Das ist ungewöhnlich, wenn ich an meine Vergangenheit denke. 

Nur der Lederstuhl spricht mich ein klein wenig an. Doch beim Gedanken daran, dass andere Menschen im Raum sehen würden, wie ich neben meinem Herrn knie, verfliegt die kurze Freude in meinem Bauch. Ich empfinde keine Lust. 

Sofort stellen sich Fragen in meinem Kopf ein: Was geht in mir vor? Warum erregt mich diese Fülle an Instrumenten zum Schlagen und Quälen und das Angebot an BDSM-Möbelstücken nicht mehr? War BDSM vielleicht nur eine Phase in meinem Leben? Ist die Sklavin, die lange Zeit so viel Raum in mir eingenommen hat, womöglich verschwunden?

Liegt es an den Enttäuschungen, die ich erlebt habe und habe ich daraus resultierend tiefen Frust entwickelt, der sich nun in Gleichgültigkeit gewandelt hat? Ist das doch nicht meine Welt? Nicht mehr? War ich jemals wirklich Sklavin?

Diese Fragen verunsichern mich. Sie machen mir Angst. Sofort bekomme ich Probleme beim Atmen. Mein Brustkorb ist wie verschnürt. Alles nur Lüge? Hab ich mir etwas vorgemacht? War ich jemals die, von der ich dachte, sie zu sein? Ich spüre aufsteigende Panik. Mein Herzschlag erhöht sich deutlich. 

BDSM ist doch Teil meiner Identität! Ich kann keinen Teil meiner selbst einfach so verlieren, nein! Diese Neigung ist doch in mir drin. Sie begleitet mich seit fast 30 Jahren. Völlig unabhängig vom Außen. 

Ich kann es noch nicht ganz greifen, schon gar nicht verstehen. Muss nachdenken. In einem älteren Beitrag habe ich schon einmal festgestellt, dass sich mein BDSM verändert. Stehe ich nun wieder an einem solchen Punkt? „Veränderungen sind gut im Leben, sie bedeuten Fortschritt, Weiterentwicklung !“ versuche ich mir einzureden. Aber irgendwie fühlt sich das an, als würde ich mich selbst belügen und es mir nur lange genug einreden wollen, bis ich es glaube. Warum muss ich ständig nachdenken und Bestandsaufnahmen meines inneren Anteils durchführen? Warum kann ich nicht einfach sein und akzeptieren, dass auch das Leben mit BDSM Entwicklung bedeutet? Vielleicht, weil ich nicht möchte, dass die Sklavin aus meinem Leben verschwindet. Ich halte sie mit aller Kraft fest, kralle mich mit beiden Händen in ihrem Haar fest um sie zurück zu halten. Ich lasse sie nicht gehen. Mein Herz sagt, dass sie bleiben will. Eine kleine Träne bahnt sich an, aber ich lasse sie nicht zu. Ich will nicht traurig sein. Zu oft habe ich Tränen vergossen, weil ich eine Sklavin in mir trage. Diese Gabe der absoluten Unterwerfung, die nur wenige wirklich zu schätzen wissen.

Ich lehne mich zurück, schließe die Augen und atme tief ein. Dann halte ich kurz die Luft an, stoße sie wieder aus mit einem Seufzen. Im Nebenraum vernehme ich harte Schläge und lautes, erregtes Stöhnen. 

Ich stehe auf und gehe zur Treppe ohne mich noch einmal umzudrehen.